Gegenwartsform: Das Präsens ist eine vielseitige Zeitform. Zunächst und vor allem handelt es sich um die Gegenwartsform des Verbes, drückt also im Indikativ in erster Linie aus, dass etwas in der Gegenwart (tatsächlich) geschieht: "Heute regnet und stürmt es wie wild", "er sitzt gerade dort und arbeitet am Computer".
Mit dem Präsens können überdies Gewohnheiten und sich regelmäßig wiederholende Handlungen wiedergegeben werden: "er bohrt ständig in der Nase", "montags gehe ich immer zum Sport", "den Teig macht Oma für gewöhnlich bereits einen Tag früher".
Vor allem in der gesprochenen Sprache werden mit dieser Zeitform auch in naher Zukunft liegende Vorhaben angekündigt: "nachher gehe ich einkaufen", "morgen bringt er das Auto in die Werkstatt".
Darüber hinaus gibt es noch das historische Präsens: Dieses wird häufig in der Geschichtsschreibung verwendet, um historische Daten und Begebenheiten aneinanderzureihen, was der Vergegenwärtigung und dem Verständnis dienen soll: Indem der Vergangenheit in dieser Form Aktualität verliehen wird, können Ereignisse vor dem zeitlichen Hintergrund nachvollzogen und sowie deren Bedeutung und Tragweite u. U. besser erfasst werden.
Ein situatives Präsens kennt man aus der gesprochenen Sprache, wenn im Sinne einer lebendigen Schilderung von einer Begebenheit in der Gegenwartsform erzählt wird, obwohl diese bereits eine Woche zurückliegen kann: "Letzte Woche war in der Stadt und habe Besorgungen gemacht. Und stell dir vor: Da treffe ich Sven vor dem Blumenladen und er ist total freundlich und hält mir doch tatsächlich die Tür auf!"
Auf gleiche Weise kann in einer literarischen Erzählung eine Handlung im Präsens wiedergegeben werden, um bspw. den Höhepunkt oder eine entscheidende Stelle möglichst spannend zu schildern, indem der Leser mittels Tempuswechsel "hautnah" mit der beschriebenen Situation konfrontiert wird – der Bruch, das Wegfallen der zeitlichen Distanz erzeugt eine höchstmögliche Nähe zum Geschehen. Aber auch die gesamte Erzählung oder ein ganzer Roman kann im Präsens geschrieben sein; man spricht in dieser Verwendung der Zeitform daher auch vom "narrativen Präsens".