Anakoluth

(Meist absichtlicher, gezielter) Bruch des Satzbaus, unerwartete Veränderung oder Störung einer begonnenen Satzkonstruktion. Eine Äußerung wird syntaktisch oder grammatikalisch falsch, oft auch widersprüchlich fortgeführt. Dieses gefühlte "Rumpeln" im Text setzt man in der Literatur als verstärkendes Moment ein – es wird sprachlich erfahrbar gemacht, dass der Sprecher erschüttert, aus dem Gleichgewicht, eine Situation chaotisch oder überraschend ist.

„Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend, / Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, (...)“ (Heinrich von Kleist: Penthesilea)

„Es geschieht oft, dass, je freundlicher man ist, nur Undank wird einem zuteil.“

„Wie Sie sehen – seh’n Se nix!“

Häufig soll dieser rhetorische Kniff auch eine Reflexion im laufenden Prozess oder eine umgangssprachliche, unvorbereitete Äußerung illustrieren: Mitten im Satz nehmen die Gedanken sozusagen eine andere Richtung ein. 

In vielen Fällen erzeugt dieser Überraschungseffekt eine sehr komische Wirkung und wird daher gern von Künstlern eingesetzt (Loriot, Piet Klocke, Olaf Schubert). Der komische Bruch kann aber auch in einer Kommunikationssituation entstehen, wenn der Befragte auf die eigentlich gestellte Frage eine Antwort gibt, die aus Zerstreutheit oder Voreingenommenheit auf eine nur eingebildete Frage Bezug nimmt.

In Loriots berühmter "Jodelschule" stellt der Journalist dem Lehrer am Ende die Frage: "Herr, äh, Doktor Vogler, wie erklären Sie sich den ständig wachsenden Zulauf Ihres Instituts?" – "Da haben Sie ganz recht, Herr, äh, Schmoller (...)", antwortet Doktor Vogler darauf. Das entlarvt ihn einerseits als Phrasendrescher, andererseits als jemanden, der gar nicht genau zuhört und in der Frage (nach dem Wie und Warum) nur das Lob des erfolgreichen Instituts heraushört.

In der Alltagssprache zeugt der Bruch von einer gewissen Zerstreutheit oder von einem spontanen Umdenken in der Argumentation – man denke an die viel zitierte Rede eines bekannten Politikers:

Edmund Stoiber, Neujahrs-Empfang der CSU München, 21. Januar 2002: "Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München ... mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen ... am ... am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug (...)“ (entnommen aus: Die Welt)

Manchmal entsteht die verstärkende Wirkung dadurch, dass der Bruch wie im folgenden Beispiel gerade das Ungesagte in den Vordergrund stellt, indem er den Leser/Hörer zwingt, den Gedanken selbst weiterzuführen:

„Er sollte einfach ... aber lassen wir das.“

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